Bahnradfahren getestet. Mein Erfahrungsbericht aus dem Velodrom.

Zum ersten Mal auf einem Bahnrad

An einem Samstag im Oktober, um zehn Uhr vormittag ist es soweit. Zehn Bahnrad Neulinge stehen vor dem Sportlereingang des Ferry Dusika Stadions und warten leicht frierend auf Einlass. Florian Posch, der Organisator des Schnuppertrainings auf der Bahn öffnet die Tür und fragt, ob wir nicht lieber hereinkommen wollen. Das fängt gut an. Nervöse Novizen und ein Trainer mit Schmäh. I like.

Die Rad-Bahn, das unbekannte Wesen

Im Inneren des Dusika Stadions wird geschraubt und geräumt. Die Anlagen für Turnwettbewerbe werden aufgebaut. Ein kleiner Hubstapler fährt im Inneren der Bahn herum bis ich realisiere, dass die Bahn auf einer Seite offen ist. Irgendwie müssen die Gegenstände im Inneren der Halle rein und raus. Dazu lässt sich ein Teil der Bahn nach oben schieben. Wäre ungünstig, jetzt mit dem Rad zu fahren.

Reinhard Bscherer

Florian nützt die Zeit und gibt uns erste Instruktionen. Jede*r holt sich aus dem Keller unter der Bahn ein Leih-Rad. Wir montieren unsere mitgebrachten Rennrad-Pedale. Ich teste den Sitz der Pedale und klicke mit dem rechten Fuß ein und merke: oha, da ist aber etwas gewaltig anders. Das Bahnrad hat keinen Leerlauf, sondern eine fixe Übersetzung. Und: es hat keine Bremsen. Man kann nur langsamer werden, indem man den Tritt verändert. Langsamer treten ist angesagt. Die zweite Möglichkeit ist auf der Bahn nach oben zu fahren. Aber, the hell: wenn ich wieder nach unten will, werde ich ja erst recht wieder schneller. Meine anfängliche Nervösität kippt leicht in Richtung großem Respekt.

Fakten schützen vorm Stürzen nicht

Die Eckdaten: die Bahn ist 250 Meter lang, hat eine 45 Grad Neigung in der Steilkurve, die Mindestgeschwindigkeit, die Du fahren musst, um nicht den Halt zu verlieren ist 28 km/h besser zwischen 30 – 35 km/h. Die Kurve ist an allen Stellen 45 Grad steil. Das heisst, es ist egal, ob Du weiter oben oder unten fährst. Du brauchst die gleiche Durschnittsgeschwindigkeit, um nicht nach unten zu stürzen. Und das stürzen tut überall gleich weh.

Die Bahn wird unten von einer schwarzen Linie begrenzt. Wer darunter fährt ist quasi außerhalb, in einer Art Ausweichzone. Im Inneren ist das Holz flach. Das ist auch gut so, denn ansonsten wäre auf- und absteigen nicht möglich. Wer in der Steilkurve mit dem linken Bein absteigt, fällt ins Leere. Nach der schwarzen Begrenzung folgt eine rote und eine blaue Linie. Diese Linien geben vor, wer wo überholen darf. Wenn jemand zum Beispiel unter der roten Linie fährt, darf er/sie nur oberhalb und nicht links davon überholt werden.

Du willst an einem Rennrad Rennen teilnehmen?
Hole Dir den BIKESISTERS Guide "Dein erstes Rennrad-Rennen" (auch wenn es Dein zweites oder drittes Rennen ist).
Mit zeitsparenden Tipps für Organisation, Vorbereitung und Taktik.

Als ich das Radfahren neu lernte

Die erste Übung ist das Anfahren und Stehenbleiben. Wer keine Fixie-Erfahrung hat, kommt sich vor wie der erste Mensch auf einem Rad. Ich fühlte mich jedenfalls wie am Anfang meiner Mountainbike Zeit als ich das Fahren mit Klickpedalen gelernt habe. Im Kopf rattert es. Meine Gedanken wechseln zwischen „Das darf ja nicht wahr sein, wieso fällt mir das so schwer?!“ zu „Bitte! Wieso komme ich jetzt nicht mehr in meine Klickpedale rein?“ zu „Beruhig‘ dich, du hast das schon 1.000 Mal gemacht.“ Ja, wenn es mich beim Radfahren krist, dann rede ich mit mir selbst. Der Schluss daraus: wer Bahnrad fahren will, sollte mit Klickpedalen gut vertraut sein. Mit starrer Übersetzung fahren, ist alleine schon Herausforderung genug.

Als die drei Frauen inkl. meiner einer und die sieben Herren das Auf- und Absteigen halbwegs sicher präsentierten, nahm uns Florian mit auf die ersten Runden, die Bahn „fühlen“. Wie er sagte, ist beim Bahnrad fahren viel Gefühlssache. Und das stimmt. Abstände und Geschwindigkeiten einschätzen, lernen wie sich das Rad auf der Bahn verhält, wo man automatisch durch die Neigung schneller wird, wieviel Kraft Du brauchst bis Du am oberen Ende der Bahn fährst – das sind Dinge, die kann man nicht durch Zusehen oder Erzählung lernen. Die muss man Tun und Fühlen.

Reinhard Bscherer

Also gingen wir auf die ersten Runden im Flachen. In der Aufwärmzone. Und da stürmen die Gedanken wieder los: „Ach, so ist das also auf dem Holz.“, „Werden meine Pedale in der Kurve auf der Innenseite den Boden berühren?“, „Wie soll ich jetzt stehenbleiben?“, „Wird der vor mir jetzt langsamer, was macht der da?!!“, „Puh, ist ja mal noch gut gegangen!“

Blanke Nerven auf blankem Holz

Die Ersten wagen sich auf die Bahn, oberhalb der schwarzen Linie. „Unterhalb der schwarzen Linie fahren wir nicht“, hat Florian gesagt. Mein Kopf spricht: „Na geh, muss das jetzt sein?“ Aus meinem eigenen Blickwinkel wird mir plötzlich die Leistung der 10jährigen Esther beim Bahnrad Grand Prix zwei Tage zuvor bewusst. Ist ja irre wie die Kleine das meistert. Und sie fährt 12 Runden auf der 45 Grad Neigung.

Kann ja nicht sein, dass ich nicht kann, was eine 10jährige kann. Also mal rauf oberhalb der schwarzen Linie. Schneller werden, die erste Kurve kommt. Oh, oh, oh. Ok, das geht. Ok, ich rutsche nicht aus. Wie komme ich jetzt wieder von der Bahn runter? Ohne Bremsen. Langsamer treten. Ja, nicht aufhören, rund treten. Puh, schnauf. Geschafft. Nächster Versuch. Schneller werden. Rauf auf die Bahn. Den anderen nach. Wenn die nicht runterfallen, kann ich auch nicht runterfallen. Nicht hinunter schauen. Florian hat gesagt, nicht lenken. Immer geradeaus fahren. Nicht lenken in der Kurve und nicht reinlegen. Das ist anders als beim Mountainbiken und Motorrad fahren. Aufrecht bleiben. Puh, ich bin oberhalb der roten Linie. Wah, wer überholt mich da rechts. Ist das arg. Wieso ist der so schnell? Boah, mein Puls ist sicher über 160. Ist das anstrengend. Nicht langsamer werden, nicht langsamer werden.

Reinhard Bscherer

Nach cirka 10 Minuten machen wir eine Pause. Die Gesichter sind leicht unentspannt, neugierig und so Mancher sagt: „Hätte mir nicht gedacht, dass das so anstrengend ist.“ Yes. Vor allem ist es anstrengend, wenn es nicht gelingt sich in den Windschatten der Schnelleren zu hängen.

Mit dem Profi unterwegs

Ein Überraschungsgast wird angekündigt. Es ist Andreas Müller, Vize-Weltmeister auf der Bahn im Jahr 2013 und auch sonst – ich würde mal sagen, ein ziemlicher Profi am Rad. Am Vortag hatte er den Grand Prix im Madison gemeinsam mit Andreas Graf gewonnen. Er sollte sich also auf der Bahn ein bisschen besser auskennen als wir. Der richtige Mann, um sich ans Hinterrad zu kleben, um zu lernen. Florian half mir freundlicherweise ans Hinterrad ran und ich durfte ein paar Runden lang hinter dem Europameister herzappeln. Flo und er unterhielten sich entspannt, während ich und ein Kollege hinter ihnen her-rasten, die Lenker verkrampft festhaltend und ich hoffend, dass Kollege von oberhalb nicht auf mich hinunter stürzt. Es war wie in einem Videospiel. Bloß, dass ich mittendrin war. Das Surren der Räder, die permanente Anspannung im Kopf, wenigstens war es im Windschatten nicht so anstrengend die hohe Geschwindigkeit zu halten, sodass Kollege oberhalb und ich während des Fahrens sogar ein paar Worte wechselten. Es gefiel uns beiden total gut. Aber ich weiß nicht, wer er war, denn ich wagte nicht in der Kurve meinen Kopf zu ihm zu drehen.

Die Queens and Kings of the Bahn

Plötzlich waren wir eine richtige Gruppe. Vorne die beiden Profis und hinten die Neulinge. Ein grandioses Gefühl. Wir fuhren fast so als ob wir es schon lange könnten. Mit Wegschwenken, also nach außen zurückfallen lassen, sodass die Nächsten die Führung übernehmen. Es wird enger gefahren als auf der Straße. Zumindest ist es mir so vorgekommen. Vielleicht ist es auch das Gefühl auf der Bahn. Ohne Bremsen am Rad so knapp aneinander zu kleben, ist eine geistige Herausforderung. Dabei musst Du hoch konzentriert sein, die ganze Zeit. Sonst gefährdest Du Dich und die anderen.

Reinhard Bscherer

Die Vordermänner schwenken weg. Kollege oberhalb und ich sind ganz vorne. Nach ein paar Runden geht mir die Luft aus. Ich lasse mich zurückfallen und fahre noch ein paar Runden im Flachen zum Ausrollen. Irgendwie würde ich noch gern weiterfahren, merke aber, dass ich müde bin. Müdigkeit macht Fehler. In dem Moment vergesse ich, dass ich in einen starren Antrieb trete und das Hinterrad geht sofort in die Luft. Glücklicherweise korrigierte ich sofort und es ist nichts passiert. Das war ein klares Signal: für Heute ist Schluss.

Glückliche Gesichter. Ein paar wollten gar nicht aufhören und fuhren alleine noch eine halbe Stunde weiter. Der Teilnehmer, der in der Mitte des Trainings meinte, das sei nichts für ihn, sagte, er komme wieder. Was Adrenalin so alles bewirkt. Und ich? Ja, ich will das definitiv wieder machen. Ein Bahnrad zu haben wäre fein, leider ist die Sparbüchse noch nicht voll genug.

Was Bahnradfahren kostet

Florians Tipp für Alle, die öfter auf der Bahn trainieren wollen: ab rund 1.500.- Euro ist man mit einem wirklich guten Rad mit steifem Rahmen dabei. So ein Rad kann sicher 10 Jahre gefahren werden. Bei Florian gibt es übrigens super Bahnräder im Shop. Er verkauft sie sogar.

Um die Radbahn benützen zu dürfen, braucht man eine Trainingslizenz des österreichischen Radsportverbandes und eine Zutrittskarte für das Stadion. Das kommt gesamt auf cirka 110.- Euro im Jahr (wenn ich mich richtig erinnere). Die Zutrittskarte funktioniert mit einem Punktesystem wie früher beim Skilift. Unverbrauchte Punkte kann man ins nächste Kalenderjahr mitnehmen. Die Trainingslizenz muss jeden 1.1. erneuert werden.

Informationen dazu und weitere Bahnrad Schnuppertrainings in Wien gibt es bei POSHcycling und wie ich gehört habe bei Bernhard Kohl. Organisator der Kohl Trainings war früher wer: Florian Posch als er noch im Kohl Shop arbeitete.

Wie ist es Dir ergangen als Du zum erste Mal auf der Bahn gefahren bist? Du würdest gerne mal fahren? Schreibe einen Kommentar oder per Kontakt eine Mail an mich. Ich würde gern mit Dir/Euch nochmal fahren.

PS: Florian und ich sind nicht verwandt oder verschwägert. Zumindest weiß ich nichts davon. Bis zum Schnuppertraining habe ich ihn nicht gekannt. Ich sah seine Ankündigung und den Namen seines Ladens „POSHcycling“ und wusste, da will ich mitmachen.

Fotos: Reinhard Bscherer.

Getagged unter:

Hinterlasse einen Kommentar

2 Kommentare auf "Bahnradfahren getestet. Mein Erfahrungsbericht aus dem Velodrom."

Benachrichtige mich bei:
avatar
Sortiert nach:   neueste | älteste | beste Bewertung
martin
Gast
martin

Hallo Anita, ein sehr gelungener Erfahrungsbericht! Du hast die Eindrücke und Erfahrungen vom vergangenen Samstag sehr schön in Worte gefasst!! Ich habe jedenfalls vor, nach diesem tollen Schnuppertraining regelmäßig auf der Bahn zu trainieren 🙂

wpDiscuz