Radfahren „fördere“ die Onanie. Eine kurze Geschichte des Frauen-Radsports

Fahrradfahren ein mutiger Schritt zu mehr Freiheit

„Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frauen aus den höheren Gesellschaftsschichten mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammengenommen.“ Das Zitat stammt von Rosa Mayreder. Die österreichische Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Musikerin und Malerin lebte von 1858 – 1938 in Wien und hat das Aufkommen des Fahrrades in den 1890er Jahren selbst miterlebt.

Das Radfahren war Ende des 19. Jahrhunderts nur für gutbürgerliche Gesellschaftsschichten erschwinglich. Die ersten Frauen auf Rädern stammten aus reichen Familien und es war eine der einzigen Möglichkeiten den einschränkenden Sitten und Gebräuchen zu entfliehen. Es war eine neue Freiheit, die den Frauen durch das Rad möglich war.

Widerstand wurde auch medizinisch begründet

Natürlich ging dies nicht ohne Hindernisse. Die Frauen waren Vorbehalten und Beschimpfungen ausgesetzt und mussten stets auf ihre Kleidung achten und durften sich nicht überanstrengen, da es ihrer fragilen Konstitution schaden würde. In jedem Fall sollten sie in Begleitung von Männern als „Schutz“ unterwegs sein.

In der „Alpenländischen Sport-Zeitung“ belehrte Dr. Otto Gotthilf noch im Jahre 1900 mit folgenden Worten: Radfahren der Gesundheit und des Vergnügens wegen ja, „stecken aber (…) Emancipationsgelüste, Eitelkeit oder Gefallsucht dahinter, dann soll sie sich charakterfest zeigen und es bleiben lassen.“ [1]

Der Radsport hatte Auswirkungen auf die Mode. Die bis dahin üblichen langen Röcke und Korsetts waren unpraktisch und es wurden Hosenröcke und Knickerbocker (Pumphosen) getragen.

Radfahren begünstige Onanie und Fahrerinnen könnten unfruchtbar werden

Wegen dieser praktischen Kleidung und der gespreizten Beinhaltung beim Radfahren standen Fahrradfahrerinnen unter starker Kritik bis hin zu dem Verdacht, dass das Fahrradfahren sogar eine Onanie begünstige; Ärzte befürchteten zudem, Fahrerinnen könnten sich diverse Krankheiten zuziehen, wie etwa Geschwüre, oder unfruchtbar werden. [2]

Damen Radrennen wurden verboten

Von Beginn an nahmen Frauen an Radrennen teil. Eines der ersten Rennen fand 1868 in Bordeaux statt (siehe oberstes Bild). Hier englische Radrennfahrerinnen in London 1899 vor einem Rennen im Olympia-Velodrom. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauenrennen allerdings von einigen nationalen Radverbänden verboten. Erst seit 1950 gibt es offizielle Radrennen für Frauen. [3]

In Deutschland war in den 1890er Jahren die Teilnahme von Frauen an Radrennen eher die Ausnahme. Im Gegensatz zu Belgien und Frankreich, wo es auch Profi-Rennfahrerinnen gab. Das erste reine Damenrennen in Deutschland wurde 1890 in Machern bei Leipzig auf Dreirädern veranstaltet. 1893 wurde das erste offizielle Rennen für Frauen auf Niederrädern in Berlin auf der Radrennbahn Halensee ausgetragen.

Eine der acht Starterinnen, die Berlinerin Amalie Rother, schrieb: „Wir alten Berliner Rennfahrerinnen wußten ganz genau, was wir thaten, als wir 1893 auf die Bahn hinaustraten. Wir wollten weder unsere Reize den Zuschauern präsentieren, für Mütter heranwachsender Töchter schon eine etwas schnurrige Zumutung, noch uns an den Preisen bereichern, sondern wir wollten dem Publikum zeigen, dass wir Herrinnen unserer Maschinen waren und den Damen zurufen: Hier, seht her und macht es uns nach! Beides ist uns gelungen.“ [4]

Es gab auch Wettbewerbe wie dieses „Arithmetische Damenradrennen“, 1897. Was auch immer es war, es waren Rechenaufgaben dabei. Diese Rennen gab es auch für Männer.

Neues Selbstbewusstsein

„1896 sprach die US-amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony in einem Zeitungsinterview mit der New York World über das Fahrrad: Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frau getan als irgendetwas anderes auf der Welt. Ich stehe da und freue mich jedes Mal, wenn ich eine Frau auf einem Fahrrad sehe. Es gibt Frauen ein Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen.[5]
Das neue Selbstbewusstsein manifestierte sich in Deutschland in der Herausgabe eigener Fachzeitschriften für Frauen wie „Die Radlerin“ oder „Draisena“.

In Österreich wurde 1893 der erste Frauenradfahrclub Österreich-Ungarns, der Grazer Damen-Bicycle-Club aus der Taufe gehoben. Die Damen des Grazer Bicycle-Club absolvierten bemerkenswerte Reisen. Vinci Wenderich fuhr 670 Kilometer ins Friaul, Fanny Allmeder vom oststeirischen Pöllau über das Strassegg (1.166 m) nach Marburg. Die Strecke von Klagenfurt nach Marburg (126 km) bewältigte sie gemeinsam mit ihrem Vater an einem Tag. 1895 unternahm Louise Sorg mit ihrem Mann, dem Radrennfahrer Franz Fuchs, per Tandem eine Hochzeitsreise über Triest nach Venedig. Elise Steiningers Tourenbuch wies im Jahr 1894 1.315 km aus.

„Um 1900 war es für Frauen kein Anstandsproblem mehr, allein Ausfahrten zu machen. Aber immer noch war das Fahrrad ein teures Gerät: es kostete ein ganzes Jahresgehalt eines männlichen Arbeiters. Für Frauen bedeutete dies, dass es fast unerschwinglich war, wenn sie berufstätig waren. Gebrauchte Fahrräder waren begehrt. Erst in den 1950er Jahren wurde das Fahrrad ein erschwingliches echtes Alltagsfahrzeug für alle Schichten. Heute sind es überwiegend Frauen, die alltäglich Radfahrten in der Stadt für Erledigungen verwenden.“ [6]
Quellen:
[1] http://graz.radln.net/cms/beitrag/10827701/105566718/ abgerufen am 9.1.2017 um 15:00 Uhr
[2] Gudrun Maierhof, Katinka Schröder: Sie radeln wie ein Mann, Madame. Als die Frauen das Rad eroberten. Edition Ebersbach, Zumikon/Dortmund 1992
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Frauenradrennsports abgerufen am 9.1.2017 um 15:10 Uhr
[4] Amalie Rother: Das Damenfahren. In: Paul von Salvisberg (Hrsg.): Der Radfahrsport in Bild und Wort. Academischer Verlag, München 1897, S. 111–136, hier S. 122
[5] Zitiert nach: Pryor Doge: Faszination Fahrrad. Geschichte – Technik – Entwicklung. Delius Klasing, Bielefeld 2007
[6] http://woment.mur.at/netz/23orte/text_GrazerDamen_BicycleClub.html abgerufen am 9.1.2017 um 15:20 Uhr

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1 Kommentar auf "Radfahren „fördere“ die Onanie. Eine kurze Geschichte des Frauen-Radsports"

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